Growth vs. Fixed – haben unsere SchülerInnen und Lehrkräfte eine falsche Einstellung?

Aus der Serie: Führungs-Konzepte im alltäglichen Leben.

In den letzten Jahren ist einiges an Bewegung in das österreichische Schulsystem gekommen (u.a. NMS (bald wieder MS), Deutschförderklassen, Abschaffung der Schulnoten (die mittlerweile wieder eingeführt sind). Die Ergebnisse waren bis jetzt unterdurchschnittlich bzw. können wir diese noch nicht ausreichend überprüfen. Spricht man aber mit Lehrkräften und liest sich entsprechende Foren durch, hat man den Eindruck, dass es kontinuierlich bergab geht.

Bevor die letzte Regierung in die Brüche ging, standen noch einige Änderungen im Raum bzw. werden aktuell gerade umgesetzt: Leistungsgruppen sollten wieder eingeführt werden (unter dem modernen Namen „Leistungsniveaus“), Bewertungsgespräche mit Eltern wären verpflichtend gewesen, Sitzenbleiben ab der 3. Klasse wäre wieder möglich gewesen und die Benotung ohne Ziffernoten wäre wieder abgeschafft worden. Das Wort "wieder" kommt sehr oft vor. Wir gehen also primär zurück zu Strukturen, die vorher schon nicht so richtig funktioniert hat.

Fakt ist, dass zum Beispiel in Wien 50% der Kinder nach der Volksschule in die AHS wechseln* und die Neue Mittelschule sich zu einer Art „Restschule“ entwickelt hat. Die Ergebnisse sind entsprechend. Dies gilt aber nicht nur für Wien. Als trauriges Beispiel möchte ich hier eine nicht namentlich genannte Handelsschule (HAS) im Süden von Österreich heranziehen: Eigentlich sollten in drei Jahren HAS Fachkräfte für Büro und Wirtschaft ausgebildet werden. Stattdessen dient die Schule mittlerweile fast ausschließlich dazu, die SchülerInnen in drei Jahren so weit zubekommen, dass sie danach überhaupt eine Lehrstelle finden…

Soviel zum Erfolg der bisherigen Reformen.

Was wäre eine alternative Lösung?

Um nachhaltige Lösungsmöglichkeiten zu finden, möchte ich hier einen Eckpfeiler der effektiven Mitarbeiterführung auf die Schule übertragen: Growth vs. Fixed-Mindset.

Carol Dweck hat in ihrer 2006 veröffentlichen Studie erforscht, dass die meisten Menschen eine von zwei grundlegenden Geisteshaltungen bzw. Einstellungen haben – ein Fixed- oder Growth-Mindset.

Personen mit einem Fixed-Mindset sind der Überzeugung, dass Menschen angeborene Fähigkeiten besitzen, die im Laufe des Lebens zwar leicht verbessert werden können, aber grundsätzlich immer im gleichen Rahmen bleiben werden. Das Verhalten ist somit ein guter Spiegel der eigenen natürlichen Fähigkeiten wie z.B. Dein aktuelles Können in Mathematik: Du bist gut oder schlecht in Mathematik, daran wird auch lernen oder üben nicht viel ändern. MitarbeiterInnen mit einem Fixed-Mindset fühlen sich von negativem Feedback bedroht, weil es für sie so aussieht, als würden die Kritiker sich im Sinne der natürlichen Fähigkeiten als besser positionieren. Auch vermeiden sie es gesehen zu werden, wie sie sich anstrengen, da nach ihrem Verständnis jemand, der wirklich gut wäre, sich nicht anstrengen müsste.

Dem gegenüber stehen Menschen, die ein Growth-Mindset besitzen. Sie glauben, dass Fähigkeiten wie Muskeln sind und mit entsprechender Übung verbessert werden können. Es werden mehr Herausforderungen angenommen, trotz Misserfolgen. Kritik wird allgemein besser akzeptiert und es wird langfristig gedacht. Generell wird positiver an Aufgaben herangegangen, da diese als Chance gesehen werden sich zu verbessern und nicht als Gefahr sich zu bloßzustellen. Hoffnung ist eine große Triebfeder und hilft über Rückschläge hinweg.

In der Bevölkerung befinden sich je ungefähr 40% mit Growth und Fixed-Mindset sowie 20%, die zwischen beiden Einstellungen hin- und herwechseln.** 

Was hat das jetzt mit der Schule zu tun?

Wie in den meisten westlichen Ländern ist auch in Österreich die Bildungsvererbung stark gegeben. Das bedeutet, dass Kinder meist den Ausbildungsgrad der Eltern oder ein wenig höher erreichen. Akademiker haben Kinder, die ebenfalls studieren, während die Kinder von Eltern mit Pflichtschulabschluss als höchste Ausbildung meist nie eine Universität von innen sehen. Das Einkommen geht direkt einher mit dem Grad der Ausbildung.***

Lässt sich das mit dem Mindset in Verbindung bringen?

Eine Studie mit 168.000 SchülerInnen in Chile hat gezeigt, dass SchülerInnen aus Familien mit niedrigem Einkommen mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit ein Fixed-Mindset besitzen wie SchülerInnen aus Familien mit hohem Einkommen. SchülerInnen mit einem Fixed-Mindset stürzen außerdem ab der AHS/NMS schulisch meist komplett ab. Das bedeutet wiederum, dass SchülerInnen aus einkommensschwachen Familien es viel seltener schaffen, sich ein erfolgreicheres Leben aufzubauen als ihre Eltern. Gerade Österreich ist davon stark betroffen und liegt im Bereich des Bildungsaufstieges im internationalen Vergleich weit hinten (mehr Informationen finden Sie hier).

Das klingt jetzt alles sehr deprimierend. Gibt es auch Positives? Ja! Besonders herausstreichen lässt sich der Vergleich von Kindern aus einkommensschwachen Familien mit einem Growth-Mindset, mit jenen aus einer einkommensstarken Familie mit Fixed-Mindset: Sie erreichen bei standardisierten Tests die gleichen schulische Leistungen! Das richtige Mindset wäre also im Stande, das zu erreichen, was unser Schulsystem bisher nicht geschafft hat: Einen Bildungsaufstieg der unteren Schichten, generelle Verbesserung der Schülerleistung und damit verbunden eine Gesamtverbesserung der Bevölkerung.

Jetzt stellt sich allerdings die Frage, wie sich das Konzept in der Praxis implementieren ließe. Meiner Meinung nach wäre es möglich, dies folgendermaßen umzusetzen:

  1. Sämtliche Lehrkräfte werden im Bereich des Mindset ausgebildet und können das Konzept im Zuge ihrer Lehrtätigkeit auch anwenden. Das bedeutet auf der einen Seite, dass die Lehrkräfte in jedem(r) (!) SchülerIn das Potential für wesentliche Verbesserung sehen und mit einer entsprechenden Haltung unterrichten. Auf der anderen Seite würde es zu einer Sensibilisierung der Sprache kommen, die wesentlich für das Bilden eines entsprechenden Mindsets verantwortlich ist. Anstatt die Fähigkeiten eines Schülers zu loben, würde es im Sinne des Growth-Mindsets mehr Sinn machen, die geleistete Anstrengung oder die graduelle Verbesserung herauszustreichen. So liegt der Fokus für der SchülerInnen auf möglichem Wachstum, Entwicklung, Üben und Verbessern und sie erhalten kontinuierliche Bestätigung am Weg.
  2. Growth-Mindset als Einführungskurs zu Beginn eines jeden Schuljahres. Carol Dweck hat in mehreren Versuchen bewiesen, dass SchülerInnen, die im Growth-Mindset ausgebildet werden, nachhaltig bessere Schulleistungen erbringen, die Schule als angenehmeren Ort wahrnehmen und sich freiwillig mit neuen Themen auseinandersetzen. Dies wiederum führt zu einem positiveren Klassenklima und besserer Unterrichtsqualität. Lernen wird nicht mehr als Zwang, sondern als Möglichkeit wahrgenommen. 

Wir können uns jetzt die Frage stellen, ob dieser Ansatz, oder vermeintliche Veränderungen durch unsere „Bildungsreformen“ die SchülerInnen hervorbringt, die wir als Gesellschaft wollen und brauchen. Stellen wir uns vor, wir würden ganze Generationen heranwachsen sehen, die auf Grund ihrer Erziehung und ihres Erfolges wirklich daran glauben, dass sie sich verbessern können und ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind bzw. werden können, im Gegensatz zu dem, was aktuell passiert.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die Politik in Zukunft lernt über den Tellerrand hinauszublicken.

Wenn Sie ein Growth Mindset in Ihrer Firma etablieren wollen, haben Sie die Möglichkeit für Ihre Führungskräfte einen Workshop oder ein Coaching zu buchen.

Wer weitere Informationen zum Growth-Mindset haben möchtet, findet alles dazu in Carol Dweck – Summary of Mindset.

* vgl. Statistik Österreich
** vgl. Carol Dweck – Summary of Mindset
*** vgl. Nationaler Bildungsbericht 2018

   

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