Wer kennt es nicht? Man nimmt sich etwas vor (die Garage auszuräumen, eine Runde laufen zu gehen, usw.) und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, verzagt man, die vorgenommenen Dinge umzusetzen. Das Vorhaben scheint zu groß oder zu schwierig, um in die Tat umgesetzt zu werden. Also macht man gar nichts und ist frustriert.

Das passiert aber nicht nur im Privaten, sondern auch in Unternehmen. Wenn ein Team immer und immer wieder die gleichen Probleme behandelt, ohne einen gefühlten Fortschritt zu erzielen, ist Demotivation, Unproduktivität und Burnout nicht weit. Oft werden nicht einmal die ersten Schritte mit vollem Elan angegangen, weil die Aufgabe von Anfang an als unmöglich erscheint.

Wie schafft man dennoch Veränderung, löst große Probleme oder bewältigt schwierige Aufgaben? Indem man die Veränderungen bzw. die Aufgaben verkleinert. Dies geschieht, indem

  • man bereits Erreichtes sichtbar und den Erfolg greifbar macht,
  • minimale Etappen vorgibt,
  • sowie kleine Siege plant und feiert.

Wie das Ganze in der Praxis funktionieren kann, sehen wir uns am Beispiel eines verschuldeten Ehepaars an.

Familie H. und das Problem Geld

Nehmen wir an, das Ehepaar H. hat sich finanziell übernommen. Die Geschichte ist eine klassische: Haus, Garten, Haus, Urlaub. Eigentlich gute Jobs, aber kein Überblick über das Geld. Kreditkarten werden belastet aber nicht bezahlt. Verspätete Zahlungen und damit verbundene Gebühren und Zinsen haben dann ihr Übriges getan.

Nach dem großen Schock, meist der Ablehnung einer Kreditkarte, kommt es zur schrecklichen Erkenntnis: Man ist nur noch eine Krankheit bzw. einen Monats arbeitslos davon entfernt das eigene Haus zu verlieren. Die Schulden sind so hoch, dass die monatlichen Zahlungen die Möglichkeiten stark einschränken. Der Schuldenberg ist erdrückend.

Die Lösung?

Die einfachste wäre der Verkauf des Hauses. Dies ist allerdings sicher die letzte Option.

Eine eventuelle Umschuldung in einen Kredit würde Sinn machen. Ist dies nicht möglich, wäre es aus rein ökonomischer Sicht die beste Variante sich auszurechnen, welche Schulden die höchsten Kosten in Form von Zinsen und Gebühren verursachen und diese als erste zu bedienen. Aus ökonomischer Sicht mag das Sinn machen, aus einer psychologischen Sicht jedoch nicht. Warum?

Jemand, der Gewicht verlieren möchte und mit einem neuen Lebensstil bereits in der ersten Woche abnimmt, wird viel eher diszipliniert dranbleiben als jemand, der nach sechs Wochen gefühlt kein Gramm abgenommen, eventuell sogar zugenommen hat. Gleich verhält es sich hier. Wenn ein Schuldner das Gefühl hat, der Schuldenberg wird und wird nicht kleiner, dann wird er eventuell die Disziplin verlieren seine Schulden wirklich zurückzuzahlen. Aus der Sicht der Mitarbeiterführung wäre daher eine andere Strategie sinnvoller.

Ein anderer Ansatz

Der erste Schritt: Eine komplette (!) Auflistung aller Schulden. Der zweite Schritt besteht daraus, die Schulden nach deren Höhe zu reihen, beginnend mit dem kleinsten Betrag. Schritt drei besteht daraus, bei allen Schulden die minimal notwendige Zahlung zu leisten, im Falle einer Kreditkarte zum Beispiel 10% des offenen Betrages.

Und jetzt kommt der entscheidende Schritt: Sobald überall die Minimumzahlungen geleistet wurden, wird mit dem restlichen verfügbaren Geld die kleinste Schuld bedient, auch wenn es eine Schuld ist, für die gar keine Zinsen anfallen. Was dadurch aber passiert, ist, dass diese Schuld sehr schnell abbezahlt wird und von der Liste der Schulden gestrichen werden kann. Mit einer Minimumzahlung weniger, kann im nächsten Monat mit etwas mehr Geld die zweite Schuld bedient werden usw.

Werden mit diesem Ansatz mehr Zinsen gezahlt? Auf jeden Fall. Das ist aber nicht die Frage, sondern die Frage ist, mit welchem Ansatz es gelingen soll, die Schulden überhaupt zurückzuzahlen.

Siege im emotionalen Bereich

Der Grund, warum dieser Ansatz besser funktioniert, liegt daran, dass Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten gelangen, meist die Kontrolle verlieren. Sie beginnen sich machtlos zu fühlen, wenn sie ihren Schuldenberg sehen – ähnlich wie Mitarbeiter, die vor einer für sie scheinbar unlösbaren Aufgabe stehen. Wenn Familie H. €200 ihrer €5.000 Kreditkartenrechnung zurückzahlen, fühlen sie sich noch immer machtlos. Wenn sie stattdessen aber die Rechnung der Wasserwerke komplett abbezahlt haben und sie diese von ihrer Liste streichen können, dann haben sie einen kleinen Sieg über die Schulden errungen. Dieser Sieg gibt Kraft und Motivation weiterzumachen.

Als zusätzliche Unterstützung hätte ein externer Berater der Familie H. zu Beginn des Prozesses bereits aufzeigen können, wieviel Schulden sie in den letzten Jahren bereits bezahlt haben. Dadurch hätte er sichtbar gemacht, dass sie im Stande sind, die Schulden zurückzuzahlen. Oft braucht es eine solche Bestätigung, um überhaupt die Energie zu haben einen ersten Schritt in Richtung Rückzahlung zu gehen.

Momentum bei privaten Herausforderungen

Dieses Prinzip lässt sich natürlich auch auf viele andere Bereiche übertragen. Sie müssen den Dachboden entrümpeln, aber bekommen sich nicht dazu anzufangen und wissen auch nicht wie oder wo? Dann überlegen Sie, ob Sie in der Vergangenheit bereits einmal etwas Ähnliches geschafft haben, wie zum Beispiel die Garage auf Vordermann gebracht oder das Gartenhaus entrümpelt. Ist das der Fall, schaffen Sie sicher auch den Dachboden, auch wenn es vielleicht etwas länger dauert.

Außerdem sollten Sie nicht den Anspruch an sich stellen, den gesamten Dachboden auf einmal zu bewältigen. Wenn Sie gar nicht vom Fleck kommen, nehmen Sie sich vor, dass Sie nur 15 Minuten pro Tag/Stunde/etc. daran arbeiten, danach hören Sie auf. Eine Viertelstunde halten Sie durch und werden dabei feststellen, dass Sie dabei Klarheit über die Herausforderung gewinnen und Sie sogar in dieser kurzen Zeit Fortschritte machen. Vielleicht erledigen Sie dabei gleich etwas Unangenehmes, wie das Entfernen des Bauschutts oder ähnliches. Haben Sie einen solchen Teilsieg errungen, feiern Sie ihn. Machen Sie sich eine Tasse Kaffee oder Tee und genießen Sie ein paar Minuten lang Ihren Erfolg. So erhalten Sie die Kraft und Motivation das Projekt durch zuziehen.

Schnelligkeit von Erfolgen und Feedback

Auch in der Arbeitswelt können diese Prinzipien angewandt werden. Das vorgegebene Ziel des Managements kann die Mitarbeiter verschrecken. Es liegt am Management herauszustreichen, dass die Mitarbeiter ähnliche Aufgaben in der Vergangenheit bereits bewältigt haben. Außerdem ist es wichtig, die Mitarbeiter wissen zu lassen, wie gut sie arbeiten. Wie lange dauert es, bis Ihre Mitarbeiter Feedback für ihren Fortschritt erhalten? Wenn Ihre Antwort „Monate“ lautet, dann haben Sie die falsche Herangehensweise, wenn es Tage oder Stunden sind, dann stehen Sie am Anfang eines sich selbst verstärkenden Prozesses.

PS: Und weil wir vorhin von ökonomischer Sicht gesprochen haben: Natürlich wollen wir als Führungskräfte Prozesse optimieren. Aber es gibt immer mehrere Inputfaktoren. Und einer davon ist eben der Faktor Mensch. Und dieser entfaltet seine volle Produktivität nur, wenn die emotionalen Rahmenbedingungen passen – und diese ist meist der Hauptfaktor für den Erfolg.

   

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