Mann, der eine Entscheidung treffen muss

Hinter den Kulissen - Teil 01

Oft werde ich gefragt, was das Schwierigste an meinem Job ist. Normalerweise würde ich sagen, dass es der Prozess ist, einen potenziellen Kunden davon zu überzeugen, erstmalig mit mir zusammenzuarbeiten. Hätten Sie mir allerdings in den letzten Wochen diese Frage gestellt, hätte ich eine andere Antwort gegeben: Meine größte Herausforderung der letzten Wochen war die Auswahl der Inhalte zweier Workshops für einen neuen Kunden. Warum das?


Nun, normalerweise arbeite ich mit meinen Coachees und Teilnehmern meine Inhalte und Werkzeuge anhand eines festgelegten Konzepts durch. Zwar werden die Praxisbeispiele und Übungseinheiten immer an die jeweiligen Teilnehmer angepasst, die Reihenfolge der Inhalte und Werkzeuge bleibt aber meist gleich. Der Vorteil davon ist, dass die Inhalte schrittweise aufeinander aufbauen und verschiedene Werkzeuge nach und nach kombiniert werden können. 

Jetzt stand ich aber vor der Situation, dass ich mit Führungskräften, deren Produktionsbetrieb kurz vor der Hochsaison stand, zusammenarbeiten sollte, welche mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert waren: Arbeitskräftemangel, hohe Mitarbeiterfluktuation, Widerstand der Mitarbeiter, Probleme in der Kommunikation, Ausfall der Produktion auf Grund von einzelnen Fehlern bzw. der Missachtung von Vorgaben, eingeschränkten Handlungsspielraum, usw.

Mit dem Unternehmen hatte ich vereinbart, dass wir vier kurze Workshops vor dem Start in die absolute Hochsaison unterbringen, um den Führungskräften noch ein paar Werkzeuge an die Hand zu geben, um bestmöglich durch diese schwierige Zeit zu kommen.

Jetzt stand ich vor einem Dilemma. Es war klar, dass ich nicht nach meinem Standardkonzept vorgehen konnte. Die ersten Inhalte und Werkzeuge waren für die Führungskräfte zwar auch wertvoll, aber ich wusste, dass es einige Werkzeuge gab, die ihnen zum jetzigen Zeitpunkt wesentlich mehr helfen würden.

Aber wie sollte ich hier am besten die Auswahl treffen? Und wie sieht es mit dem Verhältnis von Anzahl der Inhalte/Werkzeuge und Übung in den Workshops aus? Wäre es besser ein Werkzeug mehr durchzuarbeiten und dafür eine Gruppenarbeit zur Verfestigung des Gelernten wegzulassen? Oder würde das dafür sorgen, dass die Führungskräfte das Gelernte nicht so gut umsetzen können?


Nach einigem Hin und Her entschloss ich mich für folgendes Vorgehen:

    • Die Ausgangslage zu klären, was es heißt Führungskraft zu sein (welche Verantwortung die Führungskräfte übernehmen können und müssen).

    • Das Grundkonzept Mitarbeiterführung durchzuarbeiten, damit die Führungskräfte das Verhalten ihrer Mitarbeiter verstehen und zuordnen können.

    • Die häufigsten Falschannahmen in der Mitarbeiterführung zu besprechen, damit der Stresslevel im tagtäglichen Umgang sinkt und die tatsächlichen Ursachen schneller erkannt werden.

  •  Auf Werkzeuge zu fokussieren, die zwei Kriterien erfüllen:
  1. Sie generieren in der jetzigen Situation sofort funktionierende Lösungen, auch wenn diese Lösungen mittelfristig angepasst werden müssen.
  2. Sie schaffen jetzt emotionalen Spielraum, der sowohl für die Führungskräfte wie auch die Mitarbeiter die Wahrscheinlichkeit erhöht, diese schwierige Zeit (6 Wochen) zu überbrücken, ohne das Handtuch zu werfen.

  • Weniger Gruppenarbeiten (weil sehr zeitintensiv), dafür die ausführliche Erarbeitung von zusätzlichen Werkzeugen mit Praxisbeispielen und konkreten Lösungsvorschlägen für aktuelle Probleme.


Bin ich mit dieser Lösung zufrieden? Nein. Wäre ich mit einer anderen Lösung zufriedener? Nein. Am liebsten hätte ich alle Werkzeuge und Inhalte bereits einige Monate zuvor mit den Führungskräften durchgearbeitet. Dann wären diese jetzt nicht in der Situation, in der sie sind und das vor bzw. in der Hochsaison.

Daher bleibt mir nur zu hoffen, dass meine Entscheidungen den größtmöglichen Nutzen für die Führungskräfte, die Mitarbeiter und das Unternehmen stiften, auch wenn sicherlich einiges mehr möglich gewesen wäre. In einigen Momenten in den Workshops wurde mir schmerzlich bewusst, dass ich jetzt gerne ein anderes Werkzeug durcharbeiten würde, weil es genau das zu diesem Zeitpunkt angesprochene Problem lösen könnte – es stand aber nur die wenige vorgegebene Zeit zur Verfügung. Ich habe mehr als einmal mit mir gekämpft, nicht zu viel in zu kurzer Zeit durchnehmen zu wollen.

Mein Appell an jeden von Ihnen ist es daher, Führungskräfte vorzubereiten und zu trainieren, bevor Feuer am Dach ist. Damit verhindern Sie, dass das Feuer überhaupt ausbricht, bzw. dass Ihre Führungskräfte im Falle von Brandstiftung bereits über die notwendigen Werkzeuge und das Wissen verfügen, um schnell und effektiv dagegen vorzugehen.

Wie das Ergebnis der Workshops und der Werkzeuge war, werde ich selbst erst mit Ende des Jahres erfahren. Ich fühle mich bei dem Gedanken an die Situation, in der sich die Führungskräfte befinden, so angespannt, als würde ich dort selbst als Führungskraft für den Erfolg verantwortlich sein. Ich werde von den Ergebnissen berichten.

So long,

Ihr Stefan Delano

   

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