Warum es Frauen schwerer haben, die Karriereleiter zu erklimmen

Eine Betrachtung aus Sicht der Führungsaufgaben

Gefühlt vergeht keine Woche, in der nicht irgendein Artikel erscheint, der unterstreicht, dass weniger Frauen in den Führungsetagen vertreten sind als Männer. Und genauso oft gibt es die verschiedensten Begründungen dafür. Angefangen von der unterschiedlichen Studienwahl, über Schwangerschaft, Karenz, mangelnde Netzwerke bis hin zur Diskriminierung von Frauen gibt es dafür viele Erklärungsversuche. 

Was die meisten Erklärungsversuche jedoch vermissen lassen, sind Ursachen, die im Einflussbereich der Frauen liegen. Dabei gibt es auch hier verschiedene Ansatzmöglichkeiten, die Frauen dazu auch konkrete Anleitungen geben würden, die eigenen Chancen auf den Aufstieg zu verbessern. Eine solche Möglichkeit möchte ich in diesem Artikel unter Betrachtung tatsächlicher Führungsaufgaben bzw. tatsächlichem Führungsverhalten beschreiben.

Spannungsfeld Führung

Als Führungskräfte haben wir unterschiedliche Aufgaben, die teilweise in einem direkten Spannungsfeld zueinanderstehen. Und so unterschiedlich diese Aufgaben sind, so unterschiedlich schneiden Führungskräfte auf Grund ihrer Veranlagung in einzelnen Bereichen ab. Zwischen Frauen und Männern lassen sich generell Unterschiede vor allem im Temperament und bei Interessen beobachten. Männer interessieren sich tendenziell mehr für Dinge und Zahlen, Daten, Fakten. Frauen hingegen zeigen mehr Interesse an Menschen, Persönlichkeit und Beziehungen und weisen dadurch auch anderes Führungsverhalten auf.1

Dadurch kommt es sowohl zu Vor- als auch Nachteilen bei verschiedensten Führungsaufgaben. In einem vergangenen Artikel habe ich bereits beschrieben, dass Frauen bei der Auswahl der richtigen Mitarbeiter – ein wichtiger Teil der Kernaufgabe Mitarbeiterführung – das bessere Händchen haben.Das liegt eben vor allem daran, dass sich Frauen beim Einstellungsprozess mehr für die Persönlichkeit und den Charakter der Kandidaten interessieren als ihre männlichen Kollegen, die Ausbildungen, Kompetenzen und Erfahrung bevorzugen. In diesem Bereich haben Frauen nachweislich die Nase vorne.3

Konflikte entscheiden 

Leider haben sie allerdings bei einer anderen Kernaufgabe genau aus den gleichen Gründen einen Nachteil, nämlich wenn es darum geht, Konflikte zu entscheiden. Seit es die Menschheit gibt, entstehen spätestens dann Führungsstrukturen, wenn die Gruppe auf ein Problem trifft, deren Lösung eine Entscheidung fordert. Die Entscheidung zu treffen, ist die Aufgabe der Führungskraft.

Eine Entscheidung ist vor allem dann notwendig, wenn es darum geht, Konflikte zu entscheiden, die nicht entscheidbar sind, weil beide Seiten gleich schwer wiegen. Wenn wir A und B gegeneinander abwiegen und berechnen könnten, bräuchten wir einen PC aber keine Führungskraft. Genau weil dies unmöglich ist, muss die Führungskraft sich für eine Seite entscheiden, diese mit Überzeugung vertreten und durchsetzen, um einen Stillstand zu verhindern.

Wer solche Entscheidungen trifft, und sich damit auch automatisch gegen etwas entscheidet, wird dadurch auch auf Widerstand und Ablehnung treffen. Wer Entscheidungen trifft, schafft Gegner – das Los der Führungskraft. Wer stattdessen mutlos ist und keine Entscheidungen treffen will, versteckt sich hinter Regeln und Bürokratie. Und genau hier liegt das Problem vieler Frauen.

Verträglichkeit4

Die Psychologie hat immer wieder versucht den Menschen besser zu verstehen, um sein Verhalten nachvollziehen und beeinflussen zu können. Eine ihrer wesentlichen Errungenschaften für dieses Verständnis war die Entwicklung der „Big Five“-Persönlichkeitsmerkmale und dazugehörige Tests. Sie beschreiben zusammen den Großteil des menschlichen Verhaltens. Eine dieser Merkmale ist die Verträglichkeit, im Englischen „agreeableness“. Personen, die bei diesem Persönlichkeitsmerkmal eine hohe Ausprägung haben, ist es wichtig, dass sie gut mit anderen Menschen auskommen, dass es wenig Twist und Auseinandersetzungen gibt und ein harmonisches Arbeitsklima herrscht. Menschen mit einer geringen Ausprägung ist es dagegen fast egal, wenn gestritten wird, bis die Fetzen fliegen – ihre Taktik beruht auf der Ellbogentechnik. Sie sind in Ihrem Leben sicher schon einmal sowohl jemanden mit einer starken wie auch einer schwachen Ausprägung begegnet. 

Was hat das jetzt mit Frauen und Männern zu tun? Verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen haben festgestellt, dass Männer tendenziell eine niedrigere Ausprägung bei diesem Persönlichkeitsmerkmal aufweisen als Frauen (siehe Grafik). Wichtig ist hier das Wort tendenziell. Die unverträglichste Person in einem Raum kann dennoch eine Frau sein und die verträglichste ein Mann – generell ist Frauen aber Verträglichkeit wichtiger.

 Abb 1. – Persönlichkeitsmerkmal Verträglichkeit 5


Wie Sie in der obigen Abbildung sehen, ist der Unterschied zwischen Mann und Frau nicht besonders groß aber dennoch entscheidend. Warum? Weil Führungskräfte sich eben durchsetzen müssen und der Unterschied sich über die Zeit summiert. 

Jede Führungskraft, die aufsteigen möchte, muss sich gegen alle durchsetzen – sowohl gegen Männer als auch Frauen. Und wenn Frauen tendenziell am Weg immer ein wenig mehr zurückstecken als Männer, bleiben immer weniger übrig, die am Schluss ganz oben stehen. Aus dem Geschriebenen ist daher die Empfehlung für Frauen leicht abzuleiten: Seien Sie im Zweifelsfall durchaus etwas unverträglicher, entscheiden Sie bewusst Konflikte und nehmen Sie etwaige Ablehnung und kurzzeitige Disharmonie in Kauf.

Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Es ist daher sowohl für Frauen wie Männer wichtig, um die Kernaufgaben der Führung zu wissen und in der Lage zu sein, diese umzusetzen. Männer vor allem deshalb, weil sie oftmals in ihrer Unverträglichkeit über das Ziel hinausschießen.

 

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[1] Men and things, women and people: A meta-analysis of sex differences in interests. https://doi.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Fa0017364

[2] https://www.facebook.com/delanoconsulting/posts/280459246681655

[3] https://www.mhlnews.com/labor-management/article/22054693/male-recruiters-rely-more-on-appearance-than-females-survey-finds

[4] Ich habe meine wissenschaftliche Suche und Recherche hauptsächlich auf Englisch betrieben. Sollten von mir verwendete Übersetzungen nicht vollständig korrekt gewählt sein, weisen Sie mich bitte darauf hin. 

[5] Gender Differences in Personality across the Ten Aspects of the Big Five, Abstract (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3149680/)