Fehlende Führung in Völkermarkt

Meine Leidenschaft mittels Trainings, Coachings und Beratung dazu beizutragen, dass Menschen, Unternehmen und die Gesellschaft sich entwickeln und verbessern, hat auch dazu geführt, dass ich mich politisch in meiner Heimatgemeinde Völkermarkt engagiere und mir lokale Themen sehr am Herzen liegen. Eines davon möchte ich heute unter dem Gesichtspunkt von Führung näher betrachten.

Neben Corona hat heuer ein weiteres großes Thema die Gemüter hochgehen lassen: Die Völkermarkter Stauseebrücke, welche 60 Jahre nach ihrer Errichtung zu einem denkbar „interessanten“ Zeitpunkt generalsaniert werden musste. Für Außenstehende muss zunächst erklärt werden, dass die Brücke die Hauptverkehrsroute vom Süden nach Völkermarkt (und umgekehrt) darstellt – sowohl für Pendler, Schüler, aber auch für die zahllosen Touristen in den Sommermonaten.

 

Fehlende Führung – fehlender Weitblick

Wenn Sie selbst Führungserfahrung haben oder meine bisherigen Blogs und Posts verfolgt haben, dann wissen Sie, dass das Treffen schwieriger Entscheidungen eine Aufgabe der Führungskraft – in diesem Fall die Aufgabe der Bürgermeister der betroffenen Gemeinden und deren Teams - ist.

Bei der Auswahl des Zeitpunktes wurden verschiedene Interessen abgewogen. Zunächst wollte man die Sanierung im Herbst durchführen, man hat sich dann aber zu Gunsten des Schulverkehrs darauf geeinigt, die Sanierung in die Sommermonate zu verlegen. Dann kam Corona. Für die leidgeprüften Unternehmen kam zu den Umsatzeinbrüchen des Lockdowns nun auch noch die Sperre der Brücke.

Corona konnte natürlich niemand voraussehen, jedoch behaupte ich, dass die Entscheidung auch ohne Corona die falsche war. Warum?

Der richtige Blickwinkel

Als Führungskraft ist bei Überlegungen meine oberste Priorität, mögliche Lösungen aus Sicht der Kunden und ihrer Bedürfnisse zu sehen. Eine Lösung ist nur dann wertvoll, wenn Sie diese Bedürfnisse löst. Und dabei gilt es nicht nur zu wissen, was genau der Kunde will und artikuliert, sondern auch, was er wirklich braucht, ohne dass es ihm bewusst ist und vorauszudenken, was er in Zukunft brauchen wird.

Im Falle einer Stadt stellen die Bürger die Kunden dar. Und diese haben Interessen, Wünsche und Bedürfnisse. Ein Wunsch war offensichtlich, den Schüler- und Berufsverkehr durch die Brücke nicht zu beeinflussen, damit hier so wenig zusätzliche Belastung anfällt wie möglich. Diesem Wunsch wurde auch entsprochen. Was ist denn nun falsch daran?

Der Fehler liegt darin, dass die Führung nicht erkannt hat, dass der Kunde ein wesentlich größeres Bedürfnis hat, als einen reibungslosen Schüler- und Berufsverkehr für die Dauer der Brückensanierung aufrecht zu erhalten – nämlich das langfristige Überleben der Gemeinde und den Erhalt von Arbeitsplätzen. Völkermarkt hat, obwohl es eine Bezirkshauptstadt ist, seit gut zwei Jahrzehnten mit Abwanderung zu kämpfen. Ein Großteil der Geschäftsräume in der Innenstadt sind geschlossen und eine positive Erholung bzw. Zuwanderung wie in anderen Kärntner Bezirksstädten ist aktuell nicht absehbar. Dies bedroht nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch das Angebot an Schulen, Dienstleistungen und stellt daher eine potenzielle Verschlechterung der allgemeinen Lebensqualität dar.

Die zwei wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine der Stadt und der umliegenden Gemeinden sind der Handel und der Tourismus, die eng miteinander verknüpft sind. Allein Völkermarkt beherbergt jährlich über 20.000 Gäste, die vor allem in den Sommermonaten einen wesentlichen Teil zum Erhalt von Arbeitsplätzen beitragen.

Und nun wird die Brücke genau in der touristischen Hauptsaison gesperrt und saniert. Das ist nicht nur ein direktes Desaster für die Unternehmen, die vom Tourismus leben, sondern zeugt auch von wenig Wertschätzung gegenüber unseren Gästen. Wir stellen unsere eigene Bequemlichkeit über das Urlaubserlebnis unserer Gäste. Das sollte man einmal wirken lassen.

Nicht nur müssen Gäste Ausweichrouten in einem ihnen unbekannten Gebiet finden, es sind diese Routen natürlich auch viel stärker belastet. Zwar ist das per se kein Weltuntergang, kann aber für den einen oder anderen Gast dazu führen, den Urlaub in etwas schlechterer Erinnerung zu behalten, als es im anderen Fall gewesen wäre. Steht dann im nächsten Jahr die Entscheidung zwischen Völkermarkt oder einer Alternative an, könnte das durchaus die Auswahl in die andere Richtung kippen lassen. Das würde wiederum dazu führen, dass der ein oder andere Arbeitsplatz verloren geht – also genau das Gegenteil davon, wofür wir massiv kämpfen.

 

Warum den kurzfristigen Interessen der Vorrang gegeben wurde, kann ich aus meiner aktuellen Sicht nicht beurteilen. Ob es mangelnder Weitblick, mangelnde Führung, persönliche Interessen der Entscheidungsträger oder eine Vermischung aller Gründe waren, bleibt Spekulation. Ich kann nur hoffen, dass ich falsch liege und auf Grund der Umstände mit Corona und Co. unsere Gäste nicht nachtragend sind und die Sperre der Brücke dem Urlaubsvergnügen keinen Abbruch getan hat. Dennoch hoffe ich und werde ich mich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass wir den Blick auf das Wesentliche nicht verlieren. Gerade ein komplexes System wie eine Stadtgemeinde oder ein Bezirk brauchen gute Führung, um langfristig erfolgreich zu sein.