Legastheniker als Mitarbeiter – Verantwortung und Chance für Führungskräfte

 „Warum soll ich dafür eine Lösung finden? Ich kann mir doch erwarten, dass erwachsene Menschen das auf die Reihe bekommen. Sonst habe ich wohl den falschen Mitarbeiter.“

Das war eine der Fragen, die ich letzte Woche von einer Führungskraft in einem Workshop gestellt bekommen habe. Solche Aussagen sind keine Seltenheit. Viele Führungskräfte erwarten, dass sie ihren Mitarbeitern ein wenig gut zureden (motivieren) und dann sollen sie funktionieren.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Die meisten von uns, egal ob Mitarbeiter oder Führungskraft, haben mit etwas Schwierigkeiten, dass anderen Menschen leicht von der Hand geht.

Anstelle aber durch kompetente Führung dafür zu sorgen, dass die Stärken der Mitarbeiter zur Geltung kommen und die Schwächen ausgeglichen werden, werden in vielen Fällen Mitarbeiter oder potenzielle Mitarbeiter aussortiert, weil sie vermeintlich die Grundvoraussetzungen nicht erfüllen.

 

Legasthenie

Eine besonders große betroffene Gruppe sind dabei Legastheniker.

Legasthenie ist eine Entwicklungsstörung, die meist bereits bei Kindern diagnostiziert wird und die Menschen bis zum Ende ihres Lebens begleitet. Sie beruht auf einer Kombination aus genetischen, neurologischen und Umweltfaktoren. Im Durchschnitt sind je nach Studie zwischen 4-12% eines jeden Jahrgangs davon betroffen.

Betroffene Personen haben Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben und einigen wenigen fällt es zusätzlich schwer Zeitpläne zu erstellen, Aufgabenlisten abzuarbeiten, oder komplexe Informationen zu strukturieren und zusammenzufassen.

Gleichzeitigt sagt Legasthenie jedoch nichts über den IQ oder die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen aus. Bekommen diese Informationen in einer anderen Form präsentiert, sind sie ebenso im Stande komplexeste Probleme rasch und erfolgreich zu lösen.

 

Legastheniker als Mitarbeiter

In Bezug auf Legastheniker haben wir als Führungskraft drei Möglichkeiten:

  1. Wir stellen keine Legastheniker ein. Es gibt Unternehmen, die haben Bewerbungsverfahren geschaffen, die genau so etwas testen.
  2. Wir stellen Legastheniker zwar ein, aber wir übernehmen keinerlei Verantwortung für ihren Erfolg – entweder sie finden selbst eine Lösung oder sie werden wieder gekündigt.
  3. Wir stellen Legastheniker ein und übernehmen die Verantwortung als Führungskraft und schaffen jene Rahmenbedingungen unter denen Legastheniker Höchstleistungen erzielen können.

 

Legastheniker als Leistungssträger

Jetzt stellt sich wieder die Eingangsfrage: „Warum soll ich dafür eine Lösung finden? …“

Warum soll ich nicht lieber ausschließlich Menschen anstellen, für die ich keinen extra Führungsaufwand betreiben muss?

Weil Legastheniker als Mitarbeiter nicht nur Nachteile mit sich bringen, sondern auch enorme Vorteile:

  1. Legastheniker haben auf Grund ihrer lebenslangen Schwierigkeiten in unserem Schulsystem in der Regel ein wesentlich besseres Durchhaltevermögen und eine höhere Toleranzschwelle für Niederlagen. *
  2. Sie weisen meist höhere Kreativität und Flexibilität bei der Lösungsfindung auf. Schließlich mussten sie ihr Leben lang Lösungen für ihre Lese- und Rechtschreibschwächen finden. *
  3. Auf Grund ihrer eigenen Schwäche weisen sie in der Regel mehr Verständnis für die Herausforderungen anderer Menschen auf, sind umgänglicher und streben eher Lösungen an, die fair und gerecht sind.
  4. Legastheniker sind es oft gewohnt negativ bewertet zu werden. Erhalten sie jedoch eine faire Chance und werden entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen, weisen sie hohe Mitarbeiterloyalität, Einsatz- und Leistungsbereitschaft auf.
  5. Auf Grund des aktuellen Fachkräftemangels können wir es und noch weniger erlauben potente Mitarbeiter abzuweisen, nur weil diese für uns mehr Führungsaufwand bedeuten würden.

 

Richtig geführt und mit den richtigen Rahmenbedingungen können sich Legastheniker also nicht nur zu guten, sondern zu den produktivsten Mitarbeitern eines gesamten Unternehmens entwickeln.

 

Wie kann ich Legastheniker unterstützen?

Die größte Herausforderung besteht zunächst nicht darin, Lösungen, Strategien und Rahmenbedingungen für Legastheniker zu schaffen, sondern das Thema überhaupt einmal anzusprechen.

Das sollte bei bestehenden Mitarbeitern im Vier-Augen-Gespräch stattfinden. Die Grundhaltung, die dabei signalisiert werden muss, ist folgende: „Jeder von uns hat Herausforderungen. Deine ist eben Legasthenie. Wie kann ich dich dabei unterstützen, dass du Höchstleistungen erzielen kannst? Was brauchst du, um deine Arbeit gut zu machen? Was hat dir in der Vergangenheit geholfen?“

Kreative Unternehmen signalisieren bereits in Stellenausschreibungen, dass sie Verständnis und Lösungen für Legastheniker haben (https://neuenarrative.link/perfkt) und sprechen das Thema auch im Bewerbungsprozess an.

 

Generell sollten auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Legastheniker zugutekommen – und auch dem Rest der Mitarbeiter. Schließlich bedeutet einfachere Lesbarkeit und Co. auch weniger Erschöpfung bei den übrigen Mitarbeitern:

  • Sterile Arbeitszeit mit weniger Ablenkung
  • Mehr Zeit einräumen für Papierkram und Co.
  • Klare Kennzeichnung von Zusammenhängen mittels Struktur und Farbe
  • Audio und Bilder wo möglich als Ergänzung
  • Lesbarkeit vor Design: Einfache Schriftarten, kurze Absätze, weniger kursive Schriften und Unterstreichungen
  • Verwendung von Graphen und Grafiken
  • Verwendung von Beispielen

Generell stellen Legastheniker eine Gruppe dar, die bisher im Großteil der Fälle abgetan oder der keine Möglichkeiten gegeben wurde.

Dabei stellen gerade diese Mitarbeiter eine enorme Chance für Unternehmen dar.

Damit diese Chance aber wahrgenommen werden kann, braucht es Führungskräfte, die über die notwendigen Führungsfähigkeiten verfügen und bereits sind diese Verantwortung zu übernehmen.

Und wer schon einmal mit Legastheniker zu tun hatte, wird feststellen, dass wir Normalos oft uns von denen eine Scheibe abschneiden können. **

 

So long,

Stefan

 

*Dies sind Gründe warum die Anzahl von Unternehmensgründer und von Personen in hohen Unternehmenspositionen die von Legasthenie betroffen sind überdurchschnittlich hoch ist: https://www.businessinsider.de/wissenschaft/ferdinand-piech-und-steve-jobs-warum-ueberraschend-viele-erfolgreiche-menschen-legastheniker-waren-2019-8/

 

** Sowohl mein Bruder wie auch meine Schwägerin sind Legastheniker. Beide sind zwei der tüchtigsten Menschen, die ich kenne und mit einem Durchhaltevermögen und einer Disziplin, die mich oftmals sprachlos macht.

– Autor –

Stefan Portrait

Stefan Delano

Gründer von
Delano Training, Coaching & Consulting

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